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Hebamme aus Leidenschaft: Julie Denci über Stillen, innere Ruhe und das Wunder der Geburt

Hebamme aus Leidenschaft: Julie Denci über Stillen, innere Ruhe und das Wunder der Geburt

Hebammen begleiten Familien durch einen der bewegendsten Momente ihres Lebens und leisten damit einen Beitrag für unsere Gesellschaft, der oft im Hintergrund bleibt. Doch wie sieht ihr Alltag wirklich aus? Wir haben mit Julie, selbstständige Hebamme in Zürich, über ihre Erfahrungen gesprochen: über magische Momente nach langen Geburten, die Herausforderungen beim Stillen und darüber, warum innere Ruhe das wichtigste Werkzeug werdender Mütter ist.

Wie bist du Hebamme geworden – und was hat dich dazu gebracht?

Schwangere Frauen haben mich schon als kleines Mädchen fasziniert. Ich habe zuerst als Krankenschwester gearbeitet und danach in Prag den Bachelor als Hebamme gemacht. Seit 2011 bin ich Hebamme. In Prag habe ich in der grössten Frauenklinik Tschechiens gearbeitet: über 5000 Geburten im Jahr, und die Klinik ist inzwischen über 110 Jahre alt. Dort war ich drei Jahre im Gebärsaal und ein Jahr in der Beckenbodenforschung tätig.

Was liebst du an deinem Beruf am meisten?

Die strahlenden Blicke und die Liebe, die in diesen Momenten spürbar wird. Und diese magische Stimmung nach einer langen Geburt, die viele Stunden gedauert hat. Am schönsten finde ich aber, gemeinsam mit den Eltern mitzuerleben, wie sich ihr Baby entwickelt und Fortschritte macht.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Mutter, bei der es mit dem Stillen einfach nicht klappen wollte. Dank meiner Erfahrung konnte ich ihr einen Trick zeigen, der geholfen hat. Dieses Strahlen der Mama, wenn es dann klappt – das ist unbezahlbar.

Die schönsten Momente der Eltern erlebst du also mit?

Definitiv. Ich teile mit ihnen meine langjährige Erfahrung. Wenn ich zum Beispiel das Baby auf den Bauch lege und die Eltern sehen, dass es sein Köpfchen schon von alleine halten kann, dann strahlen sie und sind super stolz. Das macht natürlich auch mich stolz.

Stillen soll ein riesiges Thema sein. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Ja, das ist ein riesiges Thema, gerade rund um den Milcheinschuss. Ich muss sagen: Fernsehen und Social Media sind schuld an falschen Erwartungen. In der Werbung nimmt die Mutter ihr Baby, und es trinkt sofort.

In den ersten zwei Stunden nach der Geburt weiss das Baby tatsächlich, was es tun muss. Danach vergisst es das wieder und muss es neu lernen. Deshalb ist es so wichtig, die richtige Technik zu kennen. So verletzt sich die Mutter beim Stillen nicht und entwickelt keine Hemmungen oder Stress.

Bei wie vielen von zehn Frauen klappt das Stillen auf Anhieb?

Das ist von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Es gibt Phasen, in denen es bei rund 70 Prozent meiner Mütter klappt, und andere, in denen es eher 50 Prozent sind.

Viele Hebammen probieren verschiedene Techniken aus, um den Müttern zu helfen, und erzeugen dabei Druck. Ich versuche zuerst, die Mutter zu entspannen. Dann klappt es mit dem Stillen meistens von alleine. Ohne Druck geht alles viel besser.

Was ist der Moment, der dich jedes Mal aufs Neue bewegt?

Jedes Thema ist für sich besonders. Immer wenn ich etwas Neues erlebe, ist das wunderschön. Zurzeit mache ich zum Beispiel eine Pilates-Ausbildung für Schwangere und lerne dabei vieles dazu. Genau das ist das Schöne: immer wieder Neues zu erleben und dazuzulernen.

Wenn ich mit meinen Freundinnen über meine Arbeit spreche, sagen sie, dass ich strahle. Schon als kleines Mädchen habe ich mir einen Job gewünscht, in dem ich mich entfalten kann. Heute ist es für mich eine Berufung geworden.

Was glauben die meisten, was du den ganzen Tag machst – und wie sieht die Realität aus?

Sie denken, dass ich arbeite, und das ist auch die Realität (lacht). Mein Umfeld ist es gewohnt, dass ich nicht sofort aufs Handy antworte. Als selbstständige Hebamme mache ich alles allein: Kurse und Wochenbettbetreuung, aber auch Marketing und Rechnungswesen.

Was ist das Anspruchsvollste an deinem Job, worüber kaum jemand spricht?

Das Autofahren. Ich bin ständig von einem Ort zum nächsten unterwegs und fahre viel durch die Stadt. Deshalb plane ich meine Route immer am Vortag und spreche sie mit den Frauen ab.

Wie viele Frauen betreust du pro Monat?

Etwa sechs bis acht Frauen, die ich jeweils mehrmals im Monat betreue. Wenn ich in die Ferien gehe, unterstützt mich meine Vertretung. Die Herausforderung ist, dass ich alles ein halbes Jahr im Voraus planen muss, auch meine Ferien. Ich möchte nicht, dass eine Frau mitten im Prozess eine neue Hebamme zugeteilt bekommt. Mir ist wichtig, dass sie von einer Hebamme betreut wird.

Wie schaffst du es, die Balance zu halten?

Das ist nicht einfach. Ich habe Freunde, die mich unterstützen und Verständnis haben, wenn ich mal nicht kann. Manchmal planen sie sogar extra etwas Cooles für mich, damit ich herunterfahren kann.

Wie hat sich der Beruf in den letzten Jahren verändert?

Da gibt es auch Unterschiede zwischen den Ländern. Ein Beispiel aus Tschechien: Früher hat man nach der Geburt Augentropfen gegeben, heute nicht mehr. Und die Nabelschnur hat man früher mit Alkohol behandelt, heute wartet man ab.

Und haben sich auch die Menschen verändert?

Das Informationsverhalten ist durch ChatGPT und Social Media ein anderes geworden. Manchmal ist das gut, manchmal weniger. Es führt dazu, dass sich viele mit zu vielen Informationen verrückt machen. Das Problem ist: Jede Frau ist anders. Nur weil ChatGPT etwas sagt, heisst das nicht, dass es auch bei genau dieser Frau klappt.

Wenn sich Frauen sehr viel informieren, haben sie bei der Geburt viel mehr Stress. Je weniger sie sich informieren, desto ruhiger sind sie.

Merken Babys, wenn die Mutter gestresst ist?

Ja, hundertprozentig. Ich merke das sogar bei mir: Wenn ich gestresst bin, weinen auch die Babys. Dann muss ich sie schnell der Mama zurückgeben.

Was würdest du jeder werdenden Mutter in der Schweiz mitgeben – etwas, das mehr Frauen wissen sollten?

Ich wünsche mir, dass sie sich entspannen und ihre innere Ruhe finden können. In meinen Kursen bringe ich ihnen bei, in ihrer Bubble und entspannt zu bleiben.

Hast du ein, zwei Tipps, wie man die Ruhe bewahrt?

Atemtechniken sind ein gutes Werkzeug, um Stress zu kontrollieren. Es gibt aber auch Konditionierungstechniken mit Klang, Geruch oder Berührungen. Dabei trainiert man sich an, durch einen bestimmten Auslöser einen bestimmten Zustand zu erreichen.

Woher kennst du diese Tools und Techniken?

Ich habe mich mit Schwangerschafts- und Babyyoga auseinandergesetzt und dabei viel über Atemtechniken gelernt. Wie gesagt: Es ist wichtig, sich stetig weiterzuentwickeln, auch als Hebamme.

Welche Fragen hörst du von frischgebackenen Eltern am häufigsten?

Meistens geht es ums Stillen. Und darum, was man dem Baby in der Übergangszeit, im Sommer oder im Winter anziehen soll. Ich sage dann immer: eine Schicht mehr als die Mama. Im Sommer kann das auch mal nur die Windel sein, je nachdem, wo man wohnt und wie heiss es ist. Hauptsache, das Baby schwitzt nicht.

Worauf achtest du bei Produkten, die du Familien empfiehlst – was ist dir wirklich wichtig?

Keine Schadstoffe – und nicht zu viele.

Was gibt dir jeden Tag die Energie weiterzumachen?

(lacht) Ich wache jeden Tag mit einem Lied von Elena Rose auf. Es heisst «Me lo merezco», übersetzt «Ich verdiene es». Ich durfte sie sogar im Kaufleuten treffen und habe mich riesig gefreut.

Wie schön! Du sprichst also auch Spanisch. Welche Sprachen sprichst du sonst noch?

Neben Deutsch, Englisch und Spanisch auch Tschechisch, Slowakisch und Russisch.

An welche Erfahrungen aus deinem Beruf erinnerst du dich besonders gerne zurück?

An die Freundschaften, die ich als Hebamme geknüpft habe. Nur fehlt mir leider oft die Zeit dafür …

Was möchtest du der Welt über deinen Beruf sagen – etwas, das du noch nie laut ausgesprochen hast?

Die Geburt ist ein Wunder, anders kann man es nicht sagen. Aus dem Nichts entsteht etwas so Schönes.

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